Während die International Association of Genocide Scholars (IAGS) im September 2025 feststellte, dass Israels Handeln in Gaza die völkerrechtliche Definition von Genozid erfüllt, kursieren in der US-Administration Pläne, aus dem zerstörten Gaza eine „Riviera des Nahen Ostens” zu machen (AP News, Gizmodo). Ein 38-seitiges Konzept – der Gaza Reconstitution, Economic Acceleration and Transformation Trust (GREAT Trust) – beschreibt, wie zwei Millionen Palästinenser:innen „temporär” umgesiedelt, ihr Land in Krypto-Token getauscht und in sechs bis acht KI-gesteuerten Smart Cities neu angesiedelt werden sollen (Washington Post, CoinTelegraph).
Donald Trump sprach im Februar 2025 davon, Gaza unter US-Verwaltung zur „Riviera des Nahen Ostens” umzubauen (Gizmodo). Das geleakte Papier operiert mit tokenisierten Grundstücken, „ID-basierten KI-Systemen” für alle Dienstleistungen und Handel sowie einer „Elon Musk Smart Manufacturing Zone” (Decrypt). Der Council on American-Islamic Relations (CAIR) bezeichnet die Übernahme Gazas und den „Massenraub palästinensischen Landes durch ein digitales Token-System” als „moralisch verwerflich, unter Völkerrecht illegal – und als Kriegsverbrechen historischen Ausmaßes” (CoinTelegraph).
Dieser Artikel beleuchtet kritisch, was GREAT Trust technisch und politisch bedeutet – und warum die Vision einer überwachten, tokenisierten Smart City vor dem Hintergrund von Vertreibung, Zerstörung und Genozid zynisch und gefährlich ist.
Worum es geht
- 🏚️ GREAT Trust: US-geführte Trusteeship über Gaza für mindestens zehn Jahre, 70–100 Mrd. Dollar öffentliche Investitionen, 35–65 Mrd. private; Gaza Humanitarian Foundation (GHF) als Vorläufer – zugleich heftig kritisiert
- 🪙 Tokenisierung von Land: Rund 30 % öffentliches Land in einen Trust; Privateigentümer:innen tauschen Land gegen Blockchain-Tokens („fractional ownership”), Handel an Sekundärmärkten; 23.000 Dollar „Ersparnis” pro umgesiedelter Person – Anreiz, möglichst viele zur „freiwilligen” Ausreise zu bewegen
- 🤖 KI-Smart Cities: 6–8 „tortenförmige” Städte mit ID-basierten KI-Systemen für alle Dienstleistungen und Wirtschaft; Pitch Deck: „urban design” als Ursache von „Gaza’s ongoing insurgency”
- 👤 „Freiwillige” Umsiedlung: 5.000 Dollar pro Person, vier Jahre Mietzuschuss (absteigend), ein Jahr Nahrung; 75 % sollen in Gaza bleiben (u. a. in Humanitarian Transition Areas, HTAs), 25 % „relocaten” – davon 75 % „kehren nicht zurück”; wer bleibt, in „gesicherte” Zonen
- 🏭 Mega-Projekte: MBS Ring Road und MBZ Central Highway (nach Mohammed bin Salman und Mohammed bin Zayed), Gaza Trump Riviera & Islands, Elon Musk Smart Manufacturing Zone, American Data Safe Haven (Rechenzentren, US-AI-Regulierung)
- 🌍 IMEC: Gaza als Knoten im India–Middle East–Europe Economic Corridor; Zugang zu 1,3 Billionen Dollar Seltenen Erden im Golf
- 📐 BCG, Tony Blair Institute, GHF: Gleiche Kreise hinter Gaza Humanitarian Foundation („Todesfallen”, Hunderte Tote an Verteilstellen) und GREAT Trust; Jared Kushner unter den genannten Profiteuren
- ⚖️ Völkerrecht: CAIR, Arab Center Washington DC, Al-Haq: Landraub, Kriegsverbrechen, „Blueprint for Dispossession”
- 🕯️ Kontext Genozid: IAGS spricht von Genozid; danach „Riviera”, Token-Deals und „retail ethnic cleansing”
Der Kontext: Gaza, Zerstörung und Genozid
Bevor man über Smart Cities und Tokenisierung spricht, muss benannt werden, auf welchem Boden diese Pläne stehen. Die International Association of Genocide Scholars (IAGS) – der weltweit führende Fachverband für Genozidforschung – hat in einer Resolution von September 2025 festgehalten, dass Israels Vorgehen in Gaza genozidale Züge trägt und Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit umfasst (Washington Post, NPR).
Was die IAGS feststellt
Die Resolution verweist unter anderem auf:
- Über 59.000 getötete Erwachsene und Kinder (UN-Schätzungen), mehr als 143.000 Verletzte, über 50.000 Kinder getötet oder verwundet
- Nahezu alle 2,3 Millionen Palästinenser:innen mehrfach zwangsvertrieben, über 90 % der Wohngebäude zerstört
- Systematische Angriffe auf Krankenhäuser, Wohnungen, Schulen, Universitäten und zivile Infrastruktur
- Bewusste Verknappung von Nahrung, Wasser, Medizin und Strom
- Äußerungen israelischer Verantwortlicher, die auf Vernichtungsabsicht hindeuten – bis hin zu Formulierungen wie „menschliche Tiere” und Absichten, Gaza „flach zu machen” (AP News)
Die IAGS betont, dass der Hamas-Anschlag vom 7. Oktober 2023 selbst ein internationales Verbrechen war – dass Israels Reaktion aber die gesamte Bevölkerung Gazas ins Visier nimmt, nicht nur Hamas (BBC).
Warum das für „Smart City”-Pläne relevant ist
Die GREAT-Trust-Vision setzt nicht bei Frieden, Würde oder Selbstbestimmung an, sondern bei Trümmern, Vertreibung und massenhaftem Leid. Sie bietet Token-Deals und Umsiedlungsprämien genau dort an, wo Menschen entwurzelt, verletzt und traumatisiert wurden. Das ist nicht „Innovation” – es ist Aneignung von Land und Zukunft in einem Kontext, den führende Genozidforscher:innen als genozidal einstufen. Wer das ausblendet, redet über Tech, aber nicht über die politischen und moralischen Voraussetzungen dieser Tech.
Das GREAT-Trust-Konzept: Treuhandschaft, Umsiedlung, Tokenisierung
Laut Washington Post und Financial Times kursiert ein 38-seitiger Prospectus in der US-Administration, der einen „GREAT Trust” (Gaza Reconstitution, Economic Acceleration and Transformation) vorsieht (Washington Post, Gizmodo). Das Deck trägt den Untertitel „From a Demolished Iranian Proxy to a Prosperous Abrahamic Ally” – Gaza wird als „iranisches Außenposten” gegen ein „regional Handelsdrehkreuz” ausgespielt, das am India–Middle East–Europe Economic Corridor (IMEC) und an 1,3 Billionen Dollar Seltenen Erden im Golf partizipieren soll (Washington Post PDF, Arab Center DC).
Kern des Modells: Die USA übernehmen Gaza als Treuhänder für mindestens zehn Jahre. Israel behält „overarching rights” für Sicherheit; „long-term security arrangements” müssen von Israel und Palästinenser:innen gemeinsam vereinbart werden – wobei das Papier die Besatzung und israelische Sicherheitslogik als gegeben voraussetzt (Arab Center DC).
„Freiwillige” Umsiedlung und „gesicherte Zonen”
Das Pitch Deck unterscheidet zwei Wege (Washington Post PDF):
Option 1 – In Gaza bleiben („temporary housing”)
- Etwa 75 % der Gazaner:innen sollen während des Wiederaufbaus in Gaza bleiben.
- Etwa 90 % von ihnen benötigen temporären Wohnraum – „hardened structures” in „communities with life support” (Bildung, WASH, Nahrung).
- Diese Unterbringung erfolgt in Humanitarian Transition Areas (HTAs) – dazu gleich mehr.
Option 2 – „Relocation” ins Ausland
- 5.000 Dollar pro Person, Mietzuschuss für vier Jahre (100 % im ersten, 75 % im zweiten, 50 % im dritten, 25 % im vierten Jahr), ein Jahr Nahrungsmittelhilfe.
- Das Modell unterstellt: 25 % der Bewohner:innen „relocaten”; von diesen 75 % kehren nicht nach Gaza zurück.
- Pro dauerhaft Umgesiedelten rechnet das Deck mit rund 23.000 Dollar „Ersparnis” für den Trust (Unterbringung außerhalb günstiger als innen). Jedes zusätzliche Prozent Umgesiedelter spart 500 Millionen Dollar. Unter „Levers to Reduce the Trust’s Investment” steht explizit: „Increase the number of Gazans who volunteer to leave Gaza during the reconstruction.” (Washington Post PDF)
Wer nicht „freiwillig” geht, wird in Humanitarian Transition Areas bzw. „eingeschränkte, gesicherte Zonen” (restricted, secured zones) innerhalb Gazas untergebracht – kontrolliert, überwacht, von außen verwaltet.
„Freiwilligkeit” ist unter Bedingungen von Krieg, Blockade, Zerstörung und Vertreibung kaum sinnvoll messbar. Wenn Infrastruktur zerstört, Gesundheitssystem zusammengebrochen und Perspektiven genommen sind, wird Emigration nicht einfach „gewählt” – sie wird erzwungen. Der Politikwissenschaftler Dr. Ashok Kumar (Birkbeck) bringt es auf den Punkt: Israels Belagerung sei darauf angelegt, „das Leben für Überlebende so unerträglich zu machen, dass sie ‚freiwillig’ zur Flucht gezwungen sind” (Decrypt).
Humanitarian Transition Areas und „restricted, secured zones” klingen nach Lagern – kontrolliert, überwacht, eingeschränkt. Interne BCG-Dokumente zu „humanitarian transition areas” beschreiben stark überwachte Anlagen, in denen Zivilist:innen umgesiedelt und mit Ausweisdokumenten für den Aid-Zugang versehen werden – von Kritiker:innen mit Konzentrationslagern verglichen (Consultancy ME, Business & Human Rights Resource Centre). Das GREAT-Trust-Papier macht daraus keine transparente, menschenrechtlich fundierte Alternative zur Vertreibung.
Die Gaza Humanitarian Foundation (GHF): Vorgriff auf den GREAT Trust
Der GREAT Trust baut direkt auf der Gaza Humanitarian Foundation (GHF) auf. Das Pitch Deck sieht vor, die GHF in den GREAT Trust zu überführen (Washington Post PDF). Die GHF wurde Februar 2025 als US- und israelisch gestützte Organisation gegründet, um Lebensmittelhilfe in Gaza zu verteilen – außerhalb der etablierten UN-Strukturen (Reuters).
Boston Consulting Group (BCG) hatte einen zentralen Anteil an Konzeption und Betrieb: Logistik, Geschäftsmodell, Humanitarian Transition Areas, Mapping von Lieferketten, Koordination privater Sicherheitsfirmen. BCG bezeichnete die Arbeit als pro bono – intern wurden jedoch monatliche Rechnungen von über einer Million Dollar bekannt (Consultancy ME, Washington Post). BCG zog sich im Juni 2025 aus dem Projekt zurück und suspendierte einen Senior Partner (Times of Israel).
Kritik an der GHF: Die UN und große Hilfsorganisationen lehnten eine Beteiligung ab – u. a. wegen Neutralitätsbedenken und Militarisierung von Hilfe. Die Verteilstellen wurden auf wenige, von Israel kontrollierte Standorte beschränkt. In der ersten Woche starben mehr als 200 Palästinenser:innen bei der Suche nach Hilfe; UN-Offizielle nannten die Orte „Todesfallen” (Reuters).
Laut Arab Center Washington DC wurden Hunderte Palästinenser:innen an den vier GHF-Verteilstellen im Süden Gazas getötet (Arab Center DC). Yousef Munayyer (Arab Center): Die GHF sei nicht gegründet worden, um den Menschen in Gaza zu dienen, sondern, um Israels militärische Ziele der ethnischen Säuberung zu unterstützen. Sie habe funktionierende Hilfsstrukturen durch „Köder-und-Töten”-Standorte ersetzt, die zu Epizentren von Massakern an Hilfesuchenden geworden seien. „Ein mörderisches, profitorientiertes Projekt, das sich in Humanität hüllt.” (Arab Center DC).
Das GREAT-Trust-Papier gibt der GHF ausdrücklich Verantwortung für künftige Hilfe und Unterkunft – und baut darauf die Trusteeship auf. Wer die GHF-Geschichte kennt, kann die Zynik dahinter ermessen.
Tokenisierung: Land gegen digitale Tokens
Das Konzept sieht vor, palästinensisches Land in digitale Tokens zu überführen (CoinTelegraph, Decrypt, The Drey Dossier, Washington Post PDF):
- Öffentliches Land (mindestens 30 % Gazas) wird dem Trust für 25–99 Jahre „verpachtet”; Privateigentümer:innen können Land in den Trust einbringen und erhalten Tokens, die Anspruch auf dauerhaften Wohnraum („permanent housing unit”) verbriefen.
- Ein „Blockchain-Register” soll Eigentum und alle Token-Transaktionen dokumentieren; „fractional ownership” – also anteilige Eigentumsrechte – soll den Handel an Primär- und Sekundärmärkten ermöglichen. Tokens können an Investoren verkauft und gehandelt werden.
- Einlösung: Gegen Geld oder gegen Wohnungen in den neuen Smart Cities (z. B. ca. 1.800 Quadratfuß, bewertet mit rund 200.000 Dollar pro Einheit – „etwa ein Zehntel des Preises von Tel Aviv”, so das Deck).
Tokenisierung bedeutet: Ein physischer Vermögenswert (hier: Land) wird digital abgebildet – typischerweise als Token auf einer Blockchain. Mehrere Personen können Anteile halten („fractional ownership”); Token lassen sich handeln, ohne dass Grundstücke physisch geteilt werden müssen.
Rechtlich und technisch ist das hochumstritten: Eigentumsnachweise (Grundbücher) sind in Gaza nach Jahren der Zerstörung oft gar nicht mehr vorhanden. Wertpapierrecht, Grundbuchrecht und internationales Recht (Besatzung, Rückkehrrecht) kollidieren. Sam Mudie (Savea): Kommerzielle Land-Tokenisierung im großen Maßstab sei „noch 2–3 Jahre entfernt” – und das für einfache Fälle, nicht für „riesige, kriegsversehrte, politisch und geografisch umstrittene Flächen” (Decrypt).
Hier dient Tokenisierung nicht der „Liquidität” oder „Inklusion”, sondern der Aneignung: Land wird entzogen, global handelbar gemacht und Investoren angeboten – während Betroffene digitale Ansprüche in einem System erhalten, das sie nicht kontrollieren.
Kritik in einem Satz: Man entzieht Menschen physisches Land und Heimat, gibt ihnen digitale Forderungen – und verkauft das Land als Anlageprodukt an internationale Investoren. Paul Biggar (Tech for Palestine): „Diese Scheusale wollen das ganze palästinensische Land stehlen und es ihnen dann zurückverkaufen?” (Decrypt).
Finanzen: Öffentliches Geld, private Gewinne
Das Deck nennt 70–100 Milliarden Dollar öffentliche Investitionen, die 35–65 Milliarden private Investitionen auslösen sollen (Washington Post PDF). Konkret:
- Rund 133 Milliarden Dollar Gesamtinvestition in den ersten zehn Jahren: ca. 97 Milliarden vom GREAT Trust (u. a. Wohnungsbau, Infrastruktur, Debris-Entfernung, UXO-Räumung, temporäre Unterkünfte, Sicherheit, Bildung), ca. 20 Milliarden über PPPs (Public Private Partnerships), ca. 16 Milliarden als Private Industry CAPEX (u. a. „Advanced Manufacturing”, Tourismus, Rechenzentren).
- Erwartete Erträge: ca. 185 Milliarden Industrieumsätze in zehn Jahren, 37 Milliarden Steuern für „Donor Countries”, 24 Milliarden direkte Trust-Einnahmen. Gesamt: 385 Milliarden Dollar „Return” auf 100 Milliarden Investment; Gaza-Bewertung soll von „0” auf über 324 Milliarden steigen. Trust-Jahresumsatz soll bis Jahr 10 4,5 Milliarden übersteigen.
- Soziale Kennzahlen (laut Deck): 1 Million Arbeitsplätze (250k direkt, 750k indirekt), 11-facher Anstieg des BIP gegenüber 2022 (2,7 Mrd.), 13.000 neue Krankenhausbetten, 100 % in dauerhaftem Wohnraum, über 85 % der Kinder in Schulen.
Geldgeber: Das Papier beansprucht, keine US-Regierungsmittel zu brauchen und keine Spenden – stattdessen Investitionen. Arab Center Washington DC weist darauf hin: Die einzigen realistischen Großinvestoren seien die Golfstaaten; Europa, Russland und China spielten kaum eine Rolle. Zugleich habe die Trump-Administration Hilfsprogramme abgebaut (Arab Center DC). Das US-Außenministerium dementierte die Existenz des Dokuments nicht, wollte aber nicht dazu Stellung nehmen (Gizmodo).
KI-gesteuerte Smart Cities, „Urban Design” und Mega-Projekte
Das GREAT-Trust-Papier plant sechs bis acht „moderne, KI-gestützte, smart geplante Städte” (CoinTelegraph, Washington Post PDF) – tortenförmig angelegt, mit großen Achsen, Ring, Tram und Highway, Grünflächen zwischen den Städten. Alle Dienstleistungen und Wirtschaft sollen über „ID-basierte, KI-gestützte digitale Systeme” laufen.
Eine eigene Folie „Gaza’s Urban Design: Fostering Stability and Quality of Life” vergleicht das Vorhaben mit Haussmanns Paris und behauptet, man adressiere „one of Gaza’s ongoing insurgency’s root causes: its urban design” – also Stadtplanung als Ursache von Aufstand. Annelle Sheline (Arab Center): Das „löscht Palästinenser:innen aus” und ignoriere, dass Besatzung und Apartheid die eigentlichen Triebkräfte sind. „Solange die Besatzung weitergeht, wird Israel sogenannten Sicherheitsbedrohungen ausgesetzt sein.” (Arab Center DC)
„ID-basiert” bedeutet: Jede Person, jede Transaktion, jeder Zugang zu Services ist an eine digitale Identität geknüpft. Das ermöglicht totale Nachverfolgbarkeit – wer was wo kauft, nutzt, betritt. In einer Region, die massiv überwacht wurde und wird, ist das kein neutrales Tech-Feature, sondern Infrastruktur für Kontrolle.
„KI-gestützt” bleibt vage – kann Optimierung von Logistik meinen, aber auch Scoring, Vorhersage, Überwachung. In Verbindung mit Tokenisierung und Umsiedlung liegt die Gefahr nahe: Eine vollständig durchdigitalisierte, überwachte Stadt, in der Bewegung, Konsum und Teilhabe lückenlos erfasst und steuerbar sind. Das erinnert an Überwachungsarchitekturen, wie sie Palantir und andere für Staaten und Militärs bauen – siehe Palantir – Ein Portrait und In-Q-Tel – Ein Portrait.
Die zehn Mega-Projekte: MBS Ring, MBZ Highway, „American Data Safe Haven”
Das Deck listet zehn Mega-Projekte (Washington Post PDF):
- Gaza Infra Rebuild – UXO-Räumung, Trümmerbeseitigung, Wiederaufbau von Versorgung.
- „The Abraham Gateway” – regionaler Logistik-Hub in Rafah, Anbindung an Hafen, Flughafen, „Gaza Ring”, Ägypten, Israel, GCC.
- MBS Ring und MBZ Central Highway – Ringstraße und Tram um Gaza; Ersatz der Salah-a-din-Straße durch eine **MBZ-**Querstraße. MBS = Mohammed bin Salman (Saudi-Arabien), MBZ = Mohammed bin Zayed (VAE) – die Straßen sind nach ihnen benannt, um Gulf-Investoren zu umwerben (Arab Center DC).
- Abrahamic Infrastructure Corridor – Schienen, Pipelines, Glasfaser zur Anbindung an IMEC (KSA, VAE, Ägypten, Israel, Jordanien).
- Gaza Port und Airport – kleiner RORO-Hafen (Erweiterung Al-Arish), kleiner Flughafen in Dahaniya.
- Regional Water Hub – große Solar- und Entsalzungsanlagen im Sinai.
- The Elon Musk Smart Manufacturing Zone – Industriezonen entlang der Gaza-Israel-Grenze; Beispiel: US-E-Auto-Firmen bauen Fabriken, „günstige” Arbeitskräfte montieren Batterien und Fahrzeuge, Export über El-Arish, 0 % Steuer in der Freihandelszone – „wettbewerbsfähig mit chinesischen EVs”.
- American Data Safe Haven – regionale Rechenzentren mit „spezieller US-AI-Regulierung”, „geschützt durch den GREAT Trust”, Versorgung von Israel und GCC über den Abrahamic Corridor.
- Gaza Trump Riviera & Islands – „World-class”-Resorts an der Küste und auf künstlichen Inseln (angelehnt an Dubais Palm Islands).
- Gaza Planned Cities – die 6–8 Smart Cities mit ID-basierten digitalen Systemen.
IMEC (India–Middle East–Europe Economic Corridor) wird explizit als Flaggschiff genannt; Gaza soll Knotenpunkt zwischen Golf, Europa und Indien werden – und US-Zugang zu 1,3 Billionen Dollar Seltenen Erden im Golf sichern (Washington Post PDF).
Die Symbolik ist eindeutig: Trump, Musk, MBS, MBZ werden räumlich und markenmäßig in die Vision eingeschrieben. Oracle, IKEA, Tesla, AWS erscheinen im Kontext von Partnerschaften (The Drey Dossier). Das unterstreicht, wen diese Pläne als Profiteure und Gesichter eines „neuen Gaza” vorsehen – US-Politik, Golf-Eliten und Tech-Milliardäre.
Sicherheit: Private Militärfirmen, „vetted Gazans”, Israel behält Oberhoheit
Das Deck skizziert einen Hybrid-Sicherheitsrahmen (Washington Post PDF): Private Sicherheitsfirmen (Western PMC) und „TCN” (Third Country Nationals) übernehmen zunächst Großteile der Bewachung; „vetted Gazans” werden ausgebildet und schrittweise integriert. Israel behält „responsibility for overall security” – also Oberhoheit über Militäreinsätze und Kontrolle.
Die Polizei-Quote soll 0,005 Polizist:innen pro Zivilist:in betragen – angepasst an das Westjordanland, deutlich höher als der UN-Durchschnitt (0,003). Annelle Sheline (Arab Center): Das Westjordanland werde als „Erfolgsmodell” dargestellt – aus israelischer Sicht. „Jede palästinensische Handlung wird als Bedrohung gelesen; israelische Sicherheit hat immer Vorrang.” (Arab Center DC)
Wer steckt dahinter? BCG, Tony Blair Institute, Oracle, GHF, Witkoff, Kushner
Laut Financial Times und Decrypt (Decrypt):
- Das „Great Trust”-Deck wurde von der Boston Consulting Group (BCG) entwickelt, mit Beteiligung von zwei Mitarbeiter:innen des Tony Blair Institute.
- Es wurde der Trump-Administration zugespielt.
- Die Finanzplanung soll von einem Team stammen, das zeitweise für BCG arbeitete; das Konzept soll auch mit der US- und Israel-gestützten Gaza Humanitarian Foundation (u. a. Lebensmittelverteilung) in Verbindung stehen (CoinTelegraph).
Tony Blair wird als Co-Vorsitzender von Trumps Gaza-Friedensinitiative genannt; das Tony Blair Institute war laut Wikipedia-Eintrag an frühen GREAT-Trust-Diskussionen beteiligt (The Drey Dossier). Entscheidend ist die Verbindung zu Larry Ellison und Oracle: Ellisons Stiftung und Oracle haben dem Tony Blair Institute seit 2022 über 250 Millionen Dollar gegeben (The Register, Lighthouse Reports). Ehemalige Mitarbeiter:innen beschreiben, das Institut sei „im Wesentlichen zu Oracle-Vertrieb geworden” – man arbeite mit Regierungsberater:innen vor Ort, und kurz darauf lande Oracle massive Verträge (The Drey Dossier, New Statesman). Oracle betreibt bereits zwei Rechenzentren in Jerusalem, neun Stockwerke unter der Erde; das Pitch Deck nennt Partnerschaften mit IKEA, Tesla, AWS (The Drey Dossier). Das Bild: „Keine Altlasten, keine bestehende Infrastruktur. Ein weißes Blatt und die Chance, alles von Grund auf zu bauen.” – genau der Rahmen, in dem Tech-Konzerne und Venture Capital Krise als Gelegenheit begreifen (The Drey Dossier). Zu Ellison, Oracle und Geheimdiensten siehe Larry Ellison – Ein Portrait.
Arab Center Washington DC nennt Jared Kushner unter den „financial backers” des Plans (Arab Center DC). Steve Witkoff – Trump-Sonderbeauftragter für den Nahen Osten, Immobilienentwickler aus New York, langjähriger Freund Trumps – bezeichnete das GREAT-Trust-Dokument als „sehr umfassenden Plan”, der „robust und gut gemeint” sei und Trumps „humanitäre Motive” widerspiegle (Arab Center DC, Guardian). Khalil Jahshan (Arab Center): In Wirklichkeit handele es sich um ein „betrügerisches Schema”, das „Ethnische Säuberung im Einzelhandel” („retail ethnic cleansing”) anbiete – „freiwillige” statt totale Vertreibung – und finanzielle Gewinne für BCG, Tony Blair Institute und deren Geldgeber generieren solle (Arab Center DC).
BCG und das Tony Blair Institute haben sich laut Decrypt von dem konkreten Proposal distanziert – BCG etwa mit dem Hinweis, die Führungsebene sei über den vollen Umfang des Projekts getäuscht worden. Unabhängig davon: Konzeptionell sind Beratungskonzerne und Think-Tanks in die Idee einer tokenisierten, smarten Gaza-Transformation verstrickt – und die Ellison–Blair–Oracle-Linie zeigt, wer von „Wiederaufbau” und Smart City profitieren könnte.
Dr. Ashok Kumar (Birkbeck): „Wie Geier, die einen sterbenden Körper umkreisen, bereiten sich Männer wie Tony Blair – Multimillionär, Kriegsverbrecher, Profiteur – darauf vor, auf die Trümmer herabzustoßen und Millionen zu machen, indem sie das Land aufkaufen, aus dem seine Menschen vertrieben wurden. Das ist nicht nur grotesk. Es ist böse.” (Decrypt)
Völkerrecht, Landraub, Kriegsverbrechen
CAIR stellt klar: Die Übernahme Gazas und der „Massenraub palästinensischen Landes durch ein digitales Token-System” seien moralisch verwerflich, völkerrechtswidrig und könnten als Kriegsverbrechen historischen Ausmaßes gewertet werden (CoinTelegraph).
Arab Center Washington DC und Al-Haq kritisieren den Plan als „Blueprint for Dispossession, Not Reconstruction” (Arab Center DC, Al-Haq). Assal Rad (Arab Center): „Umsiedlung und Umsiedlung” seien ethnische Säuberung; „die physische Zerstörung eines Volkes” erfülle den Tatbestand des Genozids. Das Deck enthält kein Verfahren zur Rechenschaft für die Täter von Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Arab Center DC).
Rechtsexpert:innen und Tokenization-Profis weisen zudem darauf hin, dass die technische und rechtliche Komplexität des Vorhabens enorm ist. Sam Mudie (Savea): „Die Lücke zwischen dem, was das Deck andeutet, und dem, was technisch und rechtlich möglich ist, ist riesig. Kommerzielle Real-Estate- und Land-Tokenisierung im großen Maßstab ist wohl noch 2–3 Jahre entfernt – und das für kleine, überschaubare Fälle. Nicht für riesige, kriegsversehrte, politisch und geografisch umstrittene Flächen.” (Decrypt)
Das GREAT-Trust-Papier ignoriert zentrale Fragen: Eigentumsnachweise nach Jahren der Zerstörung, internationales Recht, Selbstbestimmung der Palästinenser:innen, Rückkehrrecht – und ob Umsiedlung plus Token-Deals unter diesen Umständen Enteignung und Vertreibung legitimieren können. Die Antwort der Kritik: Nein.
Arabische Alternative: 53 Milliarden, kein Vertreibungsmodell
Als Gegenentwurf zum „Gaza Riviera”-Ansatz haben arabische Staaten unter ägyptischer Führung einen 53-Milliarden-Dollar-Plan vorgelegt (Reuters, Khaleej Times): keine Vertreibung, temporäre palästinensische Technokrat:innen-Regierung, Vorbereitung auf Rückkehr der Palästinensischen Autonomiebehörde. Die Trump-Administration lehnte den Plan ab mit der Begründung, er „adressiere die Realität Gazas nicht” (Reuters).
Kritische Einordnung: Tech, Macht und der „Riviera”-Traum
Tokenisierung als Enteignung in neuem Gewand
Tokenisierung klingt nach Innovation, Liquidität, moderner Verwaltung. Hier aber geht es um Land, das unter Gewalt und Vertreibung enteignet und global handelbar gemacht werden soll. Palästinenser:innen verlieren konkretes Zuhause, Geschichte, Gemeinschaft – und bekommen digitale Ansprüche in einem System, das sie nicht kontrollieren und das Investoren besser dient als Überlebenden. Loopify (CryptoGaza): „Für sie sind die Menschen und ihre Häuser weniger wert als Dollar.” (Decrypt)
Smart City als Überwachungsstadt
„ID-basierte KI-Systeme” für alle Services und Wirtschaft – das ist die Blauzeichnung einer vollständig erfassbaren Stadt. Wer ein solches Modell nach Zerstörung und Vertreibung aufbaut, errichtet Überwachungsinfrastruktur von vornherein. Das passt zu Palantir, In-Q-Tel und US-Überwachungs- und Militärtech – siehe die Portraits Palantir und In-Q-Tel. Kritisch heißt: Smart City darf hier nicht als neutraler Fortschritt verklärt werden, sondern als Macht- und Kontrollmodell.
Genozid, dann „Riviera”?
Über 60.000 Tote (PBS), Brown University zufolge mehr getötete Journalist:innen als in US-Bürgerkrieg, beiden Weltkriegen, Korea, Vietnam, Jugoslawien und Afghanistan zusammengenommen (NPR), IAGS spricht von Genozid – und die Antwort eines Teils der US-Politik und von Tech-Profiteuren sind „Riviera”, Token-Deals und Elon-Musk-Zonen. The Drey Dossier formuliert es treffend: „So sieht Wiederaufbau aus, wenn Venture Capital mitmischt. Das passiert, wenn Krise zur Gelegenheit wird.” (The Drey Dossier) Das ist zynisch. Es verschleiert Gewalt und Vertreibung hinter „Wiederaufbau” und „Innovation”.
Die größere Frage
Wer entscheidet über Gaza? Wer profitiert von Tokenisierung und Smart Cities? Wer kontrolliert die ID-Systeme und KI-Infrastruktur? Die GREAT-Trust-Vision umgeht diese Fragen. Sie setzt US-Treuhandschaft, private Investoren und Tech-Milliardäre als Gestalter – und Palästinenser:innen als Objekt von Umsiedlung und Token-Deals.
Kritisch beleuchtet bedeutet: Nein zu Landraub in Token-Form. Nein zu überwachten Smart Cities auf den Trümmern von Vertreibung und Genozid. Ja zu Selbstbestimmung, Rückkehrrecht und Gerechtigkeit – statt Riviera-Phantasien und digitaler Aneignung.
Quellen und weiterführende Informationen
GREAT Trust, Tokenisierung und Smart Cities
- Washington Post: Trump mulls post-war Gaza plan with relocation, smart cities
- Washington Post: Leaked GREAT Trust prospectus (PDF)
- Gizmodo: Leaked Gaza Plans Show Trump May ‘Relocate’ Palestinians to Build ‘AI-Powered Smart Cities’
- CoinTelegraph: Trump mulls post-war Gaza plan featuring tokenized land
- Decrypt: ‘Evil’ Proposal to Sell Gaza Land Via Crypto Tokens Met With Backlash
- Coin Central: Trump Plan for Gaza Proposes Tokenized Land and Digital Housing Program
- Al-Haq: The Gaza Reconstitution, Economic Acceleration and Transformation (GREAT) Trust
Gaza Humanitarian Foundation (GHF), BCG, HTAs
- Consultancy ME: Boston Consulting Group under fire for role in the Gaza Humanitarian Foundation
- Washington Post: U.S. consulting firm quits Gaza humanitarian aid effort amid criticism
- Times of Israel: Key US consulting firm withdraws from American- and Israeli-backed Gaza aid agency
- Reuters: What is the new US-backed Gaza aid plan and why doesn’t the UN like it?
- Business & Human Rights Resource Centre: BCG modelled cost estimates of relocating Palestinians out of Gaza
Genozid, IAGS und Kontext Gaza
- AP News: Genocide scholars’ organization declares Israel committing genocide in Gaza
- Washington Post: Israel is committing genocide in Gaza, leading scholars’ association says
- BBC: Israel committing genocide in Gaza, world’s leading experts say
- NPR: Group of scholars declares Israel’s actions in Gaza meet definition of genocide
- PBS: Over 60,000 Palestinians have died in the Israel-Hamas war, Gaza’s health ministry says
- NPR: Brown University study on journalists killed in Gaza
Trump, „Riviera”, Tech und Gaza
Arab Center Washington DC, Arab Alternative, Witkoff
- Arab Center Washington DC: The GREAT Trust for Gaza – A Blueprint for Dispossession, Not Reconstruction
- Reuters: Arab states adopt Egyptian alternative to Trump’s ‘Gaza Riviera’
- Khaleej Times: UAE, Arab leaders approve $53 billion plan to rebuild Gaza
- The Guardian: Steve Witkoff – from property developer to Trump’s troubleshooter
The Drey Dossier, Tony Blair Institute, Oracle und GREAT Trust
- The Drey Dossier: The Plan for a Smart City in Gaza – Analyse zu GREAT Trust, Land-Tokenisierung, Tony Blair, Larry Ellison/Oracle-Finanzierung des Tony Blair Institute, „Oracle-Vertrieb”, Jerusalem-Rechenzentren, IKEA/Tesla/AWS im Pitch Deck
- Lighthouse Reports: Blair and the Billionaire – Untersuchung zu Ellison und Tony Blair Institute
- New Statesman: Inside the Tony Blair Institute
- The Register: Ellison become major contributor to Tony Blair Institute
- CNBC: Gaza Riviera – Trump administration weighs post-war redevelopment plan