Im Januar 2026 hat Amazon Web Services (AWS) die AWS European Sovereign Cloud in Brandenburg gestartet – eine angeblich “souveräne” Cloud-Infrastruktur, die vollständig in der EU betrieben wird und europäischen Regierungen und Unternehmen helfen soll, ihre Souveränitätsanforderungen zu erfüllen (AWS Blog).
Doch die Realität ist ernüchternd: Keine technische Maßnahme, keine organisatorische Umstrukturierung und keine operative Unabhängigkeit kann ein US-Unternehmen in eine wirklich souveräne europäische Entität verwandeln (Eliatra). Die US-Jurisdiktion übertrumpft alle technischen Sicherheitsvorkehrungen – und Kunden zahlen 15% mehr für eine Illusion (TecRacer).
Worum es geht
- 🏛️ AWS European Sovereign Cloud GmbH: In Potsdam registriert, aber unter US-Kontrolle
- 🇺🇸 US-Jurisdiktion: CLOUD Act und Patriot Act gelten weiterhin
- 💰 15% höhere Preise: Mehr zahlen für keine echte Souveränität
- 🔒 Technik vs. Recht: Physische Trennung kann US-Gesetze nicht überwinden
- 🎭 Marketing vs. Realität: Data Residency ist nicht Data Sovereignty
Was ist die AWS European Sovereign Cloud?
Die AWS European Sovereign Cloud ist eine angeblich “souveräne” Cloud-Infrastruktur, die physisch und logisch getrennt von anderen AWS-Regionen betrieben wird. Die erste Region wurde in Brandenburg, Deutschland eröffnet, mit geplanten Erweiterungen nach Belgien, den Niederlanden und Portugal (AWS Blog).
Die offiziellen Versprechen
AWS verspricht für die European Sovereign Cloud:
- Physische Trennung: Komplett getrennte Infrastruktur innerhalb der EU
- Logische Trennung: Eigene Billing-, Account- und Identity-Systeme
- EU-Personal: Betrieben ausschließlich von EU-Bürgern in der EU
- Unabhängige Governance: EU-basierte Führung und Kontrolle
- Datenresidenz: Alle Daten bleiben innerhalb der EU-Grenzen
Die Unternehmensstruktur
Die AWS European Sovereign Cloud GmbH wurde am Amtsgericht Potsdam unter HRB 40853 registriert (North Data). Das Unternehmen wurde ursprünglich als SCUR-Alpha 1391 GmbH im August 2021 gegründet, später in Amazon Germany Holdco 1 GmbH umbenannt und schließlich im Juli 2025 zur AWS European Sovereign Cloud GmbH umfirmiert.
Geschäftsführer ist Stéphane Israël, ein EU-Bürger mit Sitz in der EU. Das Unternehmen hat seinen Sitz in der Behlertstr. 3 A, Haus B 2, D-14467 Potsdam (North Data).
Data Residency (Datenresidenz) bezieht sich auf den geografischen Standort von Daten – wo die Server physisch stehen. Es ist eine technische Frage.
Data Sovereignty (Datensouveränität) bezieht sich auf die rechtliche Kontrolle und Autorität über Daten – wer die rechtliche Macht hat, auf Daten zuzugreifen oder sie zu kontrollieren. Es ist eine juristische Frage.
Das Problem: AWS kann Data Residency bieten (Server stehen in der EU), aber nicht Data Sovereignty (US-Gesetze gelten weiterhin). Die physische Lage der Server ändert nichts an der rechtlichen Jurisdiktion des US-Unternehmens Amazon.
Beispiel: Wenn die US-Regierung Amazon auffordert, Daten herauszugeben, die auf Servern in Brandenburg gespeichert sind, muss Amazon dieser Aufforderung nachkommen – unabhängig davon, wo die Server physisch stehen. Die US-Jurisdiktion übertrumpft die geografische Lage.
Das Kernproblem: US-Jurisdiktion übertrumpft technische Maßnahmen
Das fundamentale Problem ist nicht technisch, sondern juristisch: Als US-Unternehmen unterliegt Amazon weiterhin der US-Jurisdiktion, unabhängig davon, wo die Server physisch stehen oder wer sie operativ kontrolliert (Eliatra).
CLOUD Act: US-Zugriff auf Daten weltweit
Der CLOUD Act (Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act) von 2018 gibt US-Behörden die Macht, Daten von US-Unternehmen anzufordern – unabhängig davon, wo die Daten physisch gespeichert sind (AWS Compliance). Entscheidend ist, ob das Unternehmen “possession, custody, or control” (Besitz, Verwahrung oder Kontrolle) über die Daten hat (Cloud News).
Das bedeutet: Selbst wenn die Server in Brandenburg stehen und von EU-Bürgern betrieben werden, hat Amazon als US-Unternehmen weiterhin “control” über die Infrastruktur, Software und Verschlüsselungsschlüssel. Die US-Regierung kann daher weiterhin auf diese Daten zugreifen.
Patriot Act: Weitere US-Befugnisse
Der Patriot Act gibt US-Behörden zusätzliche Befugnisse, Daten von US-Unternehmen anzufordern, auch wenn diese außerhalb der USA gespeichert sind. Diese extraterritoriale Reichweite bedeutet, dass US-Gesetze weltweit gelten, solange ein US-Unternehmen Kontrolle über die Daten hat.
Warum technische Maßnahmen nicht helfen
AWS argumentiert, dass technische Maßnahmen wie Verschlüsselung und physische Trennung Schutz bieten. Doch diese Maßnahmen können US-Gesetze nicht überwinden:
- Verschlüsselung: Wenn Amazon die Verschlüsselungsschlüssel kontrolliert, kann die US-Regierung Amazon auffordern, diese herauszugeben
- Physische Trennung: Die geografische Lage ändert nichts an der rechtlichen Jurisdiktion
- Operative Kontrolle: EU-Personal kann die täglichen Operationen kontrollieren, aber die rechtliche Kontrolle bleibt bei Amazon als US-Unternehmen
Fazit: “Keine technische Raffinesse, organisatorische Umstrukturierung oder operative Unabhängigkeit kann ein US-Unternehmen in eine wirklich souveräne europäische Entität verwandeln” (Eliatra).
Die Preise: 15% mehr für keine echte Souveränität
Nicht nur bietet die AWS European Sovereign Cloud keine echte Souveränität – Kunden müssen auch deutlich mehr zahlen für diese Illusion.
Preisvergleich: ESC vs. Standard AWS
Laut einer Analyse von TecRacer kostet die AWS European Sovereign Cloud etwa 15% mehr als die Standard-AWS-Region eu-central-1 (Frankfurt) (TecRacer).
Beispiel S3 Standard Storage:
- AWS European Sovereign Cloud: €247,58 für 1 TB
- eu-central-1 (Frankfurt): Deutlich niedrigere Preise
Begrenzte Verfügbarkeit
Die European Sovereign Cloud hat zudem erhebliche Einschränkungen:
- EBS-Preise nicht verfügbar: Im Pricing Calculator noch nicht verfügbar, obwohl Volumes in der Console erstellt werden können
- Begrenzte Instance-Typen: Nur neuere Intel-basierte (r6i) und Graviton-Instanzen verfügbar
- Keine AMD-Instanzen: AMD-basierte Instanzen (z. B. r6a) werden nicht angeboten
- Keine Legacy-Instanzen: Ältere EC2-Instance-Familien sind nicht verfügbar
Warum ist es teurer?
AWS begründet die höheren Preise mit den zusätzlichen Infrastrukturinvestitionen und Betriebskosten für die Aufrechterhaltung einer unabhängigen, EU-basierten Cloud, die von Standard-AWS-Regionen getrennt ist (TecRacer).
Kritik: Kunden zahlen einen “Souveränitäts-Aufschlag” für eine Infrastruktur, die keine echte Souveränität bietet. Die höheren Kosten sind gerechtfertigt, wenn sie echten Schutz vor US-Zugriff bieten würden – aber das tun sie nicht.
Die Realität: Marketing vs. technische Realität
AWS positioniert die European Sovereign Cloud als Lösung für europäische Souveränitätsanforderungen. Doch die Realität ist komplexer:
Was AWS tatsächlich bietet
- ✅ Data Residency: Daten bleiben physisch in der EU
- ✅ EU-Personal: Betrieben von EU-Bürgern
- ✅ Physische Trennung: Getrennte Infrastruktur
- ✅ GDPR-Compliance: Einhaltung europäischer Datenschutzgesetze
Was AWS nicht bieten kann
- ❌ Data Sovereignty: Rechtliche Kontrolle bleibt bei US-Jurisdiktion
- ❌ Schutz vor US-Zugriff: CLOUD Act und Patriot Act gelten weiterhin
- ❌ Echte Unabhängigkeit: Amazon als US-Unternehmen behält Kontrolle
- ❌ Juristische Immunität: US-Gesetze übertrumpfen EU-Standorte
Die Schweizer Warnung
Die Schweizer Datenschutzbehörden haben bereits davor gewarnt, SaaS-Dienste von US-Anbietern zu nutzen, genau wegen dieser Bedenken (Cloud News). Die US-Jurisdiktion macht echte Souveränität für US-Unternehmen unmöglich.
Theoretisch könnte Amazon eine vollständig unabhängige EU-Tochtergesellschaft gründen, die nicht der US-Jurisdiktion unterliegt. Praktisch ist das jedoch nicht möglich, weil:
-
Kontrolle durch Muttergesellschaft: Solange Amazon die Mehrheitskontrolle oder signifikante Kontrolle über die Tochtergesellschaft hat, kann die US-Regierung weiterhin auf Daten zugreifen
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Software und IP: Die AWS-Software, APIs und geistiges Eigentum gehören Amazon. Eine wirklich unabhängige Tochtergesellschaft müsste komplett eigene Software entwickeln
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Finanzielle Abhängigkeit: Eine unabhängige Tochtergesellschaft müsste finanziell unabhängig sein, was bei einer AWS-Infrastruktur im Milliardenbereich unrealistisch ist
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Operative Verbindungen: Solange operative Verbindungen zur Muttergesellschaft bestehen (Support, Wartung, Updates), bleibt die US-Jurisdiktion bestehen
Fazit: Eine wirklich souveräne Cloud müsste von einem nicht-US-Unternehmen betrieben werden, das keine Verbindungen zu US-Unternehmen hat.
Souveränitäts-Washing: Das BSI und die AWS-Kooperation
Während AWS die European Sovereign Cloud als Lösung für europäische Souveränitätsanforderungen positioniert, hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eine umstrittene Kooperation mit AWS angekündigt. Diese Zusammenarbeit zeigt exemplarisch, warum die Illusion der Souveränität so problematisch ist (Security-Insider).
Die BSI-Kooperation mit AWS
Am 15. Januar 2026 – genau zum Start der AWS European Sovereign Cloud – verkündete das BSI eine weitere Zusammenarbeit mit dem US-Hyperscaler. Das BSI will AWS “bei der Ausgestaltung von Sicherheits- und Souveränitätsmerkmalen” unterstützen (Security-Insider).
Das Problem: Diese Kooperation steht im direkten Widerspruch zu Europas Bestrebungen nach digitaler Souveränität. Während das BSI öffentlich digitale Unabhängigkeit von US-Anbietern predigt, arbeitet es gleichzeitig eng mit US-Hyperscalern zusammen.
Das BSI-Portal: Ein Paradebeispiel
Besonders ironisch ist, dass das BSI-Portal zur Meldung von Sicherheitsvorfällen (NIS-2) – das seit dem 6. Januar 2026 live ist – nicht auf der Infrastruktur eines deutschen Anbieters basiert, sondern auf AWS (Security-Insider).
Die Botschaft ist klar: Selbst die Bundesbehörde für IT-Sicherheit setzt auf US-Cloud-Infrastruktur, anstatt europäischen Anbietern eine Chance zu geben. Dies untergräbt die Glaubwürdigkeit des BSI als “Hüter” digitaler Souveränität.
Die Kritik: Öffentliche Reaktionen
Die Entscheidung des BSI stieß auf heftige Kritik in der IT-Sicherheits-Community. Auf LinkedIn kommentierten Experten:
“Ich bin sprachlos, wie kann man als Bundesbehörde nur solche Entscheidungen treffen? Zuerst mit Google und deren Clouddiensten und nun sollen Informationen zu AWS in die Cloud wandern. Zudem nach außen auf Bundesebene die digitale Souveränität gepredigt wird. Wie sollen wir in Ansätzen unabhängig von amerikanischen Hyperscalern werden, wenn der Staat nicht als Schlüsselkunde auftritt und europäischen Firmen eine Chance gibt?” (Security-Insider)
“Mit dieser Entscheidung untergräbt das BSI seine eigene Rolle als ‘Hüter’ digitaler Souveränität und sendet ein widersprüchliches Signal an Behörden und Unternehmen, denen es selbst europäische und souveräne Infrastruktur empfiehlt. Am Ende entsteht der Eindruck, dass kurzfristige Bequemlichkeit über langfristige strategische Interessen gestellt wurde.” (Security-Insider)
“Gerade das BSI sollte da gerade bei dem Thema mit gutem Beispiel voran gehen, denn die Zeiten ändern sich leider nicht immer zum Guten. Digital darf man einfach weder von irgendeinem Hyperscaler noch von einer Supermacht erpressbar sein.” (Security-Insider)
Die BSI-Rechtfertigung
BSI-Präsidentin Claudia Plattner rechtfertigte die Kooperationen mit US-Hyperscalern bereits im Juli 2025:
“Wir arbeiten mit sehr vielen verschiedenen Cloud-Unternehmen zusammen und wir haben mit allen immer wieder den Punkt, dass wir ganz klar sagen müssen, okay, das hier sind Sicherheitsanforderungen, die wir umgesetzt sehen wollen. Das betrifft manchmal rein die Sicherheit in den Rechenzentren und es betrifft aber natürlich auch die Frage, wie man mit einer Cloud zusammenarbeiten kann und wo man gegebenenfalls auch Sicherheitspunkte einziehen kann. Gerade für US-Hyperscaler ist es natürlich spannend zu sagen, wie sieht denn eigentlich ein Cloud-Betrieb hier in Europa aus, wie kann man den absichern, wie kann man hier gegebenenfalls auch aus deutscher Seite, aus europäischer Seite eine entsprechende Kontrolle ausüben, und genau das schauen wir uns zusammen an.” (Security-Insider)
Kritik: Diese Rechtfertigung ignoriert das Kernproblem: Keine technische Kontrolle kann die US-Jurisdiktion überwinden. Die Zusammenarbeit mit US-Hyperscalern stärkt deren Marktmacht und schafft Abhängigkeiten, statt echte Souveränität zu fördern.
Kritische Analyse: Warum “Sovereign Cloud” irreführend ist
Der Begriff “Sovereign Cloud” suggeriert echte Souveränität – die rechtliche Kontrolle über Daten durch die EU oder EU-Regierungen. Doch AWS bietet nur “Data Residency” – die geografische Lage der Server.
Souveränitäts-Washing: Ein neuer Trend
Immer häufiger ist online die Rede von “Souveränitäts-Washing” – ein Trend, bei dem Tech-Anbieter behaupten, digitale Souveränität zu gewährleisten, diese aber in Wirklichkeit nicht vollständig umsetzen, sondern nur oberflächliche Versprechungen machen, um ihre Marktmacht zu festigen und Nutzer in – oftmals teure – Abhängigkeiten zu locken (Security-Insider).
Vollständige Unabhängigkeit kann nur durch europäische Betreiber auf europäischem Grund erreicht werden, die nur unter europäischem Recht stehen. AWS European Sovereign Cloud erfüllt diese Anforderung nicht.
Die Illusion der Souveränität
Technische Maßnahmen können juristische Realitäten nicht überwinden:
- Physische Trennung: Ändert nichts an US-Jurisdiktion
- EU-Personal: Ändert nichts an Amazons rechtlicher Kontrolle
- Unabhängige Governance: Ändert nichts an der US-Unternehmensstruktur
- Verschlüsselung: Ändert nichts, wenn Amazon die Schlüssel kontrolliert
Gartner-Analyst: Eingeschränkte Souveränität
René Büst, Analyst bei Gartner, analysiert die AWS European Sovereign Cloud kritisch:
“Die Bemühung von Amazon Web Services (AWS), Europäischen Kunden entgegenzukommen, sollte anerkannt werden. Das Ziel der AWS ESC ist die Speicherung von Daten und der Betrieb von Cloud-Systemen ausschließlich auf dem Europäischen Kontinent. Gleichzeitig zeigt die AWS ESC, dass AWS das Thema Souveränität nicht verstanden hat, beziehungsweise die Kernproblematik bewusst ignoriert. ESC gehört der AWS European Sovereign Cloud GmbH, einem deutschen Unternehmen, das eine hundertprozentige Tochtergesellschaft seiner amerikanischen Muttergesellschaft ist. Dies erweckt den Anschein einer europäischen Eigentümerschaft, da die Mitarbeiter des deutschen Unternehmens verpflichtet sind, die europäischen Gesetze zu befolgen. Dies ist jedoch nicht unbedingt der Fall, da Fragen hinsichtlich der Auswirkungen von Kontrolle und Sanktionen durch die USA bestehen bleiben. Die AWS ESC hat daher nur eine eingeschränkte operative Souveränität und bietet keine technologische Souveränität.” (Security-Insider)
Büst kritisiert weiter: “Europäische Unternehmen sollten den Empfehlungen des BSI im Hinblick auf Souveränität nur mit großer Vorsicht folgen. Die bisherigen Aussagen des BSI zeigen, dass es sich bei der Zusammenarbeit und Bewertung der AWS ESC nicht auf die Kernproblematik der Souveränität konzentriert. Die Fähigkeit zur Abkopplung von der globalen AWS-Infrastruktur, die Prüfung eingehender Steuerungsbefehle und Cloud-Updates, die Prüfung und gegebenenfalls Unterbindung ausgehender Telemetriedaten sowie der Betrieb durch EU-Personal und die Verschlüsselung von Daten sind aus Sicherheitsperspektive wichtige technische Bedingungen. Die Problematik der hundertprozentigen Eigentümerschaft durch die US-Muttergesellschaft und der damit einhergehenden Gefahr von Kontrolle und Sanktionen durch die USA, betrachtet das BSI bei der Bewertung jedoch scheinbar nicht.” (Security-Insider)
Was echte Souveränität erfordern würde
Eine wirklich souveräne Cloud würde erfordern:
- Nicht-US-Unternehmen: Betrieben von einem Unternehmen ohne US-Verbindungen
- Eigene Software: Komplett unabhängige Software-Entwicklung
- Finanzielle Unabhängigkeit: Keine Abhängigkeit von US-Finanzierung
- Juristische Immunität: Keine US-Jurisdiktion über Daten
- EU-Kontrolle: Vollständige Kontrolle durch EU-Regierungen oder EU-Unternehmen
AWS European Sovereign Cloud erfüllt keine dieser Anforderungen.
Die Marketing-Strategie
AWS nutzt den Begriff “Sovereign Cloud” als Marketing-Instrument, um europäische Regierungen und Unternehmen anzuziehen, die nach Datensouveränität suchen. Doch die Realität ist, dass AWS nur Data Residency bietet – nicht Data Sovereignty.
Kritiker sehen darin eine bewusste Irreführung: Der Begriff suggeriert Schutz vor US-Zugriff, der nicht existiert (The Register).
Vergleich: AWS vs. wirklich souveräne Alternativen
Um die Unterschiede zu verdeutlichen, lohnt sich ein Vergleich mit wirklich souveränen Cloud-Alternativen:
AWS European Sovereign Cloud
- Unternehmen: US-Unternehmen (Amazon)
- Jurisdiktion: US-Gesetze gelten weiterhin
- Kontrolle: Amazon behält rechtliche Kontrolle
- Schutz vor US-Zugriff: ❌ Nein
- Preis: 15% höher als Standard-AWS
Wirklich souveräne Alternativen
Beispiele:
- OVHcloud (Frankreich): EU-Unternehmen, keine US-Verbindungen
- Hetzner (Deutschland): EU-Unternehmen, keine US-Verbindungen
- Scaleway (Frankreich): EU-Unternehmen, keine US-Verbindungen
Wir setzen gerne Projekte auf diesen wirklich souveränen Infrastrukturen um – von der Planung bis zum Betrieb, alles aus einer Hand.
Vorteile:
- ✅ Keine US-Jurisdiktion: EU-Unternehmen unterliegen EU-Gesetzen
- ✅ Echte Kontrolle: EU-Regierungen können direkten Einfluss nehmen
- ✅ Schutz vor US-Zugriff: CLOUD Act gilt nicht für EU-Unternehmen
- ✅ Niedrigere Preise: Oft günstiger als AWS
Nachteile:
- ❌ Kleinere Ökosysteme: Weniger Services und Features als AWS
- ❌ Begrenzte globale Präsenz: Meist auf EU fokussiert
- ❌ Weniger Enterprise-Features: Nicht alle AWS-Services verfügbar
Theoretisch könnte ein US-Unternehmen eine vollständig unabhängige EU-Tochtergesellschaft gründen, die:
- Keine Verbindungen zur US-Muttergesellschaft hat
- Eigene Software entwickelt (nicht lizenziert von der Muttergesellschaft)
- Finanziell unabhängig ist
- Keine operativen Verbindungen zur Muttergesellschaft hat
Praktisch ist dies jedoch unrealistisch, weil:
- Kosten: Die Entwicklung einer komplett eigenen Cloud-Infrastruktur würde Milliarden kosten
- Zeit: Es würde Jahre dauern, eine konkurrenzfähige Cloud-Infrastruktur zu entwickeln
- Ressourcen: Kein US-Unternehmen würde eine solche Investition tätigen, ohne Kontrolle zu behalten
- Rechtliche Hürden: US-Regierung könnte solche Strukturen als Umgehung von US-Gesetzen betrachten
Fazit: Für praktische Zwecke ist es unmöglich, dass ein US-Unternehmen echte Souveränität bietet. Echte Souveränität erfordert nicht-US-Unternehmen.
Die rechtlichen Implikationen: CLOUD Act im Detail
Um zu verstehen, warum AWS European Sovereign Cloud nicht vor US-Zugriff schützt, ist es wichtig, den CLOUD Act im Detail zu verstehen.
Was der CLOUD Act tatsächlich macht
Der CLOUD Act von 2018 gibt US-Behörden die Macht, Daten von US-Unternehmen anzufordern, wenn:
- “Possession, custody, or control”: Das Unternehmen hat Besitz, Verwahrung oder Kontrolle über die Daten
- Gerichtsbeschluss: Ein US-Gericht hat einen Beschluss erlassen (basierend auf “probable cause”)
- Schwere Straftaten: Die Anfrage bezieht sich auf schwere Straftaten
Wichtig: Der CLOUD Act gibt keine automatische oder unbegrenzte Macht. Es gibt rechtliche Schutzmaßnahmen:
- Gerichtsbeschluss erforderlich: Keine willkürlichen Anfragen
- Widerspruchsrechte: Service-Provider können Anfragen widersprechen
- Internationale Vereinbarungen: CLOUD Act ermöglicht auch gegenseitige Vereinbarungen zwischen Ländern
Warum AWS European Sovereign Cloud trotzdem betroffen ist
Das Problem ist nicht, dass der CLOUD Act automatisch auf alle Daten zugreift, sondern dass:
- Amazon hat “control”: Als Muttergesellschaft hat Amazon weiterhin Kontrolle über die Infrastruktur, Software und Verschlüsselungsschlüssel
- US-Jurisdiktion: Amazon als US-Unternehmen unterliegt weiterhin US-Gerichtsbarkeit
- Keine echte Unabhängigkeit: Die European Sovereign Cloud GmbH ist eine Tochtergesellschaft von Amazon, nicht unabhängig
Fazit: Selbst wenn die European Sovereign Cloud technisch getrennt ist, bleibt sie rechtlich verbunden mit Amazon als US-Unternehmen.
AWS’s eigene Aussagen
Interessanterweise bestätigt AWS selbst, dass der CLOUD Act weiterhin gilt. In ihren Compliance-Dokumenten erklärt AWS:
“AWS has disclosed zero enterprise or government customer content stored outside the U.S. to the U.S. government since 2020, when reporting began.” (AWS Security Blog)
Kritik: Diese Aussage bedeutet nicht, dass AWS nicht auf Daten zugreifen kann – sondern nur, dass AWS bisher keine Daten herausgegeben hat. Die rechtliche Möglichkeit bleibt bestehen.
Praktische Implikationen: Für wen ist ESC sinnvoll?
Trotz der Kritik gibt es Szenarien, in denen die AWS European Sovereign Cloud sinnvoll sein kann:
Sinnvolle Anwendungsfälle
- GDPR-Compliance: Für Unternehmen, die nur GDPR-Compliance benötigen (nicht echte Souveränität)
- Data Residency-Anforderungen: Wenn nur die geografische Lage der Daten wichtig ist
- AWS-Ökosystem: Für Unternehmen, die bereits im AWS-Ökosystem sind und nicht wechseln können
- Hybrid-Ansätze: Als Teil einer Hybrid-Cloud-Strategie mit wirklich souveränen Alternativen
Nicht sinnvolle Anwendungsfälle
- Echte Datensouveränität: Für Regierungen oder Unternehmen, die echten Schutz vor US-Zugriff benötigen
- Höchste Sicherheitsanforderungen: Für kritische Infrastruktur, die keine US-Jurisdiktion akzeptieren kann
- Kostenoptimierung: Für Unternehmen, die niedrigere Kosten priorisieren
Die Entscheidung
Die Entscheidung für oder gegen AWS European Sovereign Cloud hängt von den spezifischen Anforderungen ab:
- Nur GDPR-Compliance? → ESC kann ausreichen
- Echte Souveränität? → ESC ist nicht ausreichend
- Schutz vor US-Zugriff? → ESC bietet keinen Schutz
- Kosten wichtig? → ESC ist teurer als Alternativen
Fazit: Die Illusion der Souveränität
Die AWS European Sovereign Cloud ist ein ambitioniertes Projekt, das versucht, europäischen Souveränitätsanforderungen gerecht zu werden. Doch die Realität ist ernüchternd:
Was ESC bietet
- ✅ Data Residency: Daten bleiben physisch in der EU
- ✅ EU-Personal: Betrieben von EU-Bürgern
- ✅ GDPR-Compliance: Einhaltung europäischer Datenschutzgesetze
- ✅ Physische Trennung: Getrennte Infrastruktur
Was ESC nicht bieten kann
- ❌ Data Sovereignty: Rechtliche Kontrolle bleibt bei US-Jurisdiktion
- ❌ Schutz vor US-Zugriff: CLOUD Act und Patriot Act gelten weiterhin
- ❌ Echte Unabhängigkeit: Amazon behält rechtliche Kontrolle
- ❌ Kosteneffizienz: 15% höhere Preise für keine echte Souveränität
Die Kernaussage
“Keine technische Raffinesse, organisatorische Umstrukturierung oder operative Unabhängigkeit kann ein US-Unternehmen in eine wirklich souveräne europäische Entität verwandeln.” (Eliatra)
Die AWS European Sovereign Cloud ist Marketing – nicht echte Souveränität. Für Unternehmen und Regierungen, die wirklich souveräne Cloud-Infrastruktur benötigen, bleiben nicht-US-Alternativen die einzige Option.
Die Frage ist nicht, ob AWS European Sovereign Cloud technisch gut ist – sie ist es. Die Frage ist, ob sie das liefert, was der Name verspricht – und die Antwort ist: Nein.
Quellen und weiterführende Informationen
Offizielle AWS-Dokumentation
- AWS European Sovereign Cloud – Offizielle AWS-Seite
- Opening the AWS European Sovereign Cloud – AWS Blog-Artikel
- AWS and the CLOUD Act – AWS Security Blog
- AWS CLOUD Act Compliance – AWS Compliance-Dokumentation
- AWS European Sovereign Cloud Pricing – Offizielle Preise
Kritische Analysen
- Kritischer Blick auf die ‘European Sovereign Cloud’ von AWS – Security-Insider (BSI-Kooperation, Souveränitäts-Washing, Gartner-Analyse)
- The Sovereignty Illusion: Why AWS’s European Cloud Cannot Escape US Jurisdiction – Eliatra Blog
- Can a “European sovereign cloud” be American? Why the short answer is no – Cloud News
- AWS flips switch on Euro cloud as customers fret about digital sovereignty – The Register
- The Great Cloud Charade: Why “Data Residency” Isn’t “Data Sovereignty” – VMware Blog
Preisvergleiche und technische Details
- AWS European Sovereign Cloud (ESC) – Launch, Pricing, and What’s Next – TecRacer Analyse
- AWS Launches European Sovereign Cloud amid Questions about U.S. Legal Jurisdiction – InfoQ News
Unternehmensdaten
- AWS European Sovereign Cloud GmbH, Potsdam (HRB 40853) – North Data Unternehmensdaten
Alternative souveräne Cloud-Anbieter
- OVHcloud – Französischer Cloud-Anbieter
- Hetzner Cloud – Deutscher Cloud-Anbieter
- Scaleway – Französischer Cloud-Anbieter
Professionelle Unterstützung: Souveräne Cloud-Infrastruktur
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Souveräne Infrastruktur-Optionen
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Colocation in europäischen Rechenzentren: Wir können deine Server in europäischen Rechenzentren in Deutschland, Finnland oder der Schweiz hosten – vollständig unter EU-Jurisdiktion, ohne US-Zugriffsmöglichkeiten. Du behältst die volle Kontrolle über deine Hardware und Daten.
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Souveräne Cloud-Anbieter: Wir setzen gerne Projekte auf wirklich souveränen Cloud-Infrastrukturen um:
Alle diese Anbieter bieten echte Datensouveränität – im Gegensatz zu AWS European Sovereign Cloud, die weiterhin US-Jurisdiktion unterliegt.
Auch bei US-Cloud-Anbietern unterstützen wir gerne
Alternativ helfen wir auch jederzeit gerne bei Projekten in US-Cloud-Anbietern wie AWS, Google Cloud Platform (GCP) oder Microsoft Azure. Auch wenn diese Anbieter keine echte Souveränität bieten, können wir dir dabei helfen, deine Infrastruktur optimal zu planen, zu implementieren und zu betreiben – mit vollem Bewusstsein über die juristischen und technischen Limitationen dieser Plattformen.